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„Grenzgang für Anfänger“: Einblicke und Hintergründe

Kathrin Donges, Frau des diesjährigen Grenzgangsmohren, im Interview. Alle Grenzgänger wissen natürlich um die Strukturen, Hintergründe und Abläufe rund um das große Traditionsfest. Außenstehende blicken zuweilen von außen darauf, ohne dass sich ihnen all das erschließt.
Die Bürgerin Kathrin Donges (40) stammt ursprünglich aus Dautphe und ist seit 14 Jahren Mitglied bei den Stadtgässer Frauen. Als Frau des diesjährigen Mohren, Willi Donges, beantwortet sie für Backland.News einige Fragen. 

Kathrin Donges, Ehefrau des diesjährigen Grenzgangsmohren, gibt im Interview Einblicke ins Grenzgangsgeschehen – hier mit ihren Söhnen Jakob (8) und Michel (7) sowie einem kleinen Freund der Familie (Mitte). (Fotos: privat)

Was hat es mit all diesen Versammlungen der Gesellschaften auf sich?
Die meisten Gesellschaften veranstalten in Vorbereitung auf den Grenzgang zwischen etwa sieben und zehn Versammlungen. Das hängt davon ab, wann die erste Versammlung stattgefunden hat; einige haben schon direkt vor Ostern angefangen, andere erst später.  
Zudem feiert jede Gesellschaft ja noch ihre feierliche Schleifenüberreichung. 

Welche Bedeutung hat diese Schleife? Wird zu jedem Grenzgang eine neue gefertigt? Worauf muss dabei geachtet werden?
Jede Männergesellschaft hat eine Fahne, die während der drei Grenzgangstage von den Fahnenträgern über die Grenze getragen wird. Die Frauen fertigen für jeden Grenzgang eine neue Schleife an. Diese wird von Hand aus feinem Stoff – Samt oder Seide – genäht und anschließend bemalt oder bestickt. Dabei werden spezifische Motive jeder Gesellschaft gewählt. Diese neue Schleife wird in der Schleifenüberreichung präsentiert und an der Fahnenkrone angebracht. Das machen in der Regel die älteste und jüngste Bürgerin gemeinsam.
Diese Schleife „wandert“ dann mit über die Grenze. Die alten Schleifen werden aufbewahrt und bei der Schleifenüberreichung präsentiert. Manche Schleifen sind bereits über 100 Jahre alt. 

Hier der Beitrag von Bürgerin Friedchen Reitze beim Besuch des Männervorstandes während einer Versammlung der Gässer Frauen.

Nun hat es dich als gebürtige Dautphetalerin zu den Stadtgässer Frauen verschlagen. Wie kommt man dazu? 
Wir Stadtgässer Frauen gehören zur Männergesellschaft Stadtgasse. Es gehören aber nicht nur Frauen aus diesem Straßenzug dazu, sondern alle, die sich dort wohlfühlen und an der Gemeinschaft teilhaben möchten. Ehepaare müssen auch nicht zwangsläufig derselben Gesellschaft angehören.
Wer Mitglied einer Gesellschaft wird, ist dies nicht nur im Grenzgangsjahr, sondern für die nächsten sieben Jahre – bis zum nächsten Grenzgang. Somit ist man zu allen offiziellen Veranstaltungen eingeladen, die übers Jahr stattfinden. 

Dies ist der aktuelle Tischwimpel des Gässer Vorstandes, gefertigt von Bürgerin Sabine Marinc. Die Schleife darf vor der offiziellen Überreichung noch nicht gezeigt werden.

Was zeichnet die Gesellschaften aus? 
Das Besondere an diesem Zusammenschluss in Gesellschaften ist, dass hier tatsächlich generationenübergreifend gemeinsam Zeit verbracht und Traditionen lebendig gehalten werden. Die reichen vom gemeinsamen Singen, dem Präsentieren von Sketchen und Gedichten bis hin zum handwerklichen Herstellen der Fahnenschleife oder dem Girlandenbinden. 
Es ist schon manchmal arbeitsreich – gerade, wenn man Kinder hat. Es macht aber viel Spaß und schürt tatsächlich sehr die Vorfreude auf den Grenzgang. Und gerade als Nicht-Birreköpperin kommt man auf diese Weise schnell in einer Gemeinschaft an und lernt viele Menschen kennen. Somit haben die Gesellschaften auch einen hohen integrativen Wert. 

Wie viele Gesellschaften gibt es in etwa? Werden auch neue gegründet – oder werden nur die Traditionsgesellschaften offiziell geführt?
In diesem Grenzgang sind es elf Männergesellschaften mit den entsprechenden Frauengesellschaften. Daneben gibt es natürlich noch die Burschen- und Mädchenschaften.
An sich könnten sich auch neue Gesellschaften gründen, denn nicht alle Gesellschaften sind gleich alt. Zu den ältesten zählt etwa die Männergesellschaft Oberstadt. Neuere Gesellschaften sind zum Beispiel der Hasenlauf. 
Momentan haben aber gerade die kleineren Gesellschaften eher Nachwuchsprobleme und bangen um ihre Zukunft. Tatsächlich hat es in diesem Jahr eine Burschenschaft gegeben, die sich mangels Beteiligung nicht mehr gründen konnte.  

Jung und alt beim gemeinsamen Feiern. Gemeinschaft und Zusammenhalt sind generationenübergreifend.

Apropos Generationen: Wie setzen sich die Gesellschaften altersmäßig so zusammen? 
Wenn ich unsere Stadtgässerinnen als Beispiel nehme: Unsere jüngsten Bürgerinnen sind Anfang 20, die ältesten um die 90. Und sie alle kommen zur Versammlung. 

Und was ist nach dem Grenzgang? Zu welchen Anlässen treffen sich dann die Mitglieder der Gesellschaften?
Das ist sehr unterschiedlich, auch da hat jede Gesellschaft ihre eignen traditionellen Treffen.
Die Frauen der Stadtgasse treffen sich mehrmals im Jahr zum gemeinsamen Frühstück oder Brunch, auch ein Oktoberfest hat sich etabliert. Darüber hinaus organisieren wir einmal im Jahr eine gemeinsame Fahrt.
Mit den Männern zusammen machen wir eine Wanderung mit Fasspartie an Fronleichnam und ein Kartoffelbraten im September. 

Auf welche Weise können Interessierte Mitglied werden?
Die Wanderung an Fronleichnam ist immer eine sehr gute Gelegenheit, in die Stadtgasse „hineinzuschnuppern“. Zu dieser Veranstaltung sind Gäste immer sehr herzlich willkommen! Ansonsten kann man jederzeit Kontakt zum Vorstand aufnehmen und über diesen Informationen zu den Veranstaltungen erhalten. 

Im Vorfeld des Grenzgangs ist einiges vorzubereiten. Hier stellt die Bürgerin Elke Glaser Schnüre für die Girlanden her, die während des Grenzgangs die Stadtgasse schmücken.

Und was ist dein persönliches Highlight am Grenzgang? 
Für mich ist dieser Grenzgang ein wirklich sehr besonderer. Im letzten Grenzgang 2012 war unser zweiter Sohn Michel gerade geboren, sodass ich an den Veranstaltungen nicht teilnehmen konnte.
Diesen Grenzgang kann ich nun hautnah miterleben. Dazu kommt, dass mein Mann der diesjährige Mohr ist. Dadurch komme ich den Genuss, auch mal bei anderen Gesellschaften reinschauen zu dürfen – eine sehr große Ehre und ein ganz tolles Erlebnis! Näher dran geht’s halt kaum. 🙂